Berliner Boheme

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Reinhard in Kreuzberg, digitale Zeichnung 2015, nach einem Foto von 1979

Ende der Siebzigerjahre sind Reinhard und ich öfter nach Berlin gefahren. Der Hauptzweck war, Ausstellungsmöglichkeiten zu finden. Das haben wir ziemlich dilettantisch angestellt. Ich kann mich nur an einen Galeristen erinnern, der zwischen seinen eigenen Ölbildern saß, die nur so von prallen nackten Frauen wimmelten. Ein geiler Sack. Da wollten wir nun auch nicht hin. Gewohnt haben wir bei Claudia Hallensleben. Ja, sie ist die Tochter von Professor Horst Hallensleben, dem bekannten Bonner Kunstgeschichtler. Das hat uns damals aber komischerweise gar nicht interessiert.

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GSG 9, Zeichnung 1979

Claudia hatte mit mir Mitte der Siebziegerjahre ein paar Jahre in derselben legendären WG gewohnt, in Bonn Graurheindorf,  Estermannstraße 125.  Die direkt neben den Rheinterrassen, wo etwas später die „Zentrale für Attraktionen“ gegründet wurde. Claudia war mit meiner Freundin Astrid auf dieselbe Schule gegangen. Das Clara-Schumann-Gymnasium, das damals noch ein Lyceum war. Einer ihrer Freunde saß in Rheinbach im Gefängnis, weil man ihm Verbindungen zur RAF vorwarf. Angeblich alles erfunden. Aber die Polizei nahm das zum Anlass, bei uns zwei Razzien durchzuführen. Das erste mal war es noch relativ harmlos, obwohl Claudias Zimmer total verwüstet war. Das zweite mal war dann volles Programm angesagt, mit einem halben dutzend grüner Minnas, vorgehaltener MP, Mit-erhobenen-Händen-an-die Wand-stellen und anschließender erkennungsdienstlicher Behandlung im Polizeipräsidium. Wir waren ziemlich harmlose Studenten. Aber wir lebten eben in der Bundeshauptstadt. Da war die Staatsräson gefährdet. Da ging es zur Sache. Ich habe jahrelang geschlottert, wenn ich nur eine Polizeiuniform von weitem sah. Dieser Phobie habe ich später ein paar Bilder gewidmet.

Claudia war dann nach Berlin gegangen, um Fotografie zu studieren. Sie wohnte in Kreuzberg nahe am Landwehrkanal in einer Straße, deren Name mir nicht mehr einfällt. Aber das Bild, wenn wir morgens so gegen 5 oder 6 in diese Straße einbogen, ist mir noch sehr deutlich in Erinnerung. Es war eine relativ kurze Stichstraße mit diesen ungeheuer breiten Fußwegen, mit Kopfsteinpflaster und Fassaden wie gewaltige plane Wände, die eine riesige Schneise bilden. Berlin, ein Meer aus Stein. Wenn ich dieses Schlagwort aus der Kaiserzeit höre, steht mir die Straße jedesmal vor Augen.

Claudia und ihr Freund hatten ziemlich große Wohnungen, jeder eine. Und an einer Stelle war die Wand durchbrochen. Die Steine und ein bisschen Schutt lagen noch da. Wir schliefen auf Matratzen auf dem Linoleumboden und hatten einen ziemlich regelmäßigen Tagesablauf. Nachmittags kümmerten wir uns um die Kunst, Meinen geliebten Fotoapparat, die Pentax ME, hatte ich immer dabei. Danach gingen wir nach Hause, um zu essen und uns auszuruhen. Und gegen 11 Uhr abends machten wir dann unsere Tour durch die Kneipen. Unsere Kreuzberger Nächte, aber auch unsere Fußwege waren tatsächlich lang ..

 

 

 

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